21.03.24 – Interview mit Benteler

„Wir gehen neue Wege, noch bevor der Markt es fordert!“

Ein stählernes Interview. Mit von der Partie: Benteler.

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Oberflächenbeschichtete Rohre aus der Benteler Produktion. © Benteler

 
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Ralph Mathis. © Benteler

 
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Benteler kann man als stillen Riesen bezeichnen. Oder auch als Innovationstreiber, der alles andere als still ist. Er ist Stahlkonzern, Händler, Rohrhersteller, Rohrvergüter, Materialerfinder, weltweiter Arbeitgeber und vieles mehr. Ein Gespräch mit Ralph Mathis, Chief Sales Officer und Thomas Begemann, Director Strategy/Communication & Innovation, Benteler Steel/Tube über Nachhaltigkeit, Investitionen, neue Materialgüten und Zukunftsmärkte.

UMFORMTECHNIK: CO2-armer Stahl oder Green Steel sind Schlagworte die häufig bemüht werden, um sich einen Nachhaltigkeits-Anstrich zu geben. Wie sieht das bei Benteler aus?

Ralph Mathis:

Lassen wir doch die Fakten sprechen: Je Tonne Stahl, die wir in unserem Elektrostahlwerk am Standort Lingen produzieren, erzeugen wir weniger als 500 kg Kohlendioxid*. Das sind bis zu 75% geringere Emissionen als in der herkömmlichen Hochofenroute, wo je Tonne Stahl bis zu 1900 kg CO2 anfallen. Diesen niedrigeren CO2-Fußabdruck (Product Carbon Footprint, kurz: PCF) können wir durch ein Umweltgutachten des Zertifizierers GUTcert auch belegen.

UMFORMTECHNIK: Seit einigen Monaten gibt es die Marke CliMore für nachhaltigere Stähle und Stahlrohrprodukte. Können Sie dieses Produkt etwas beschreiben, wer ist die Zielgruppe, wofür sind diese vorwiegend gemacht?

Thomas Begemann:

CliMore ist kein einzelnes Produkt, sondern umfasst als Marke unser gesamtes Sortiment CO2-reduzierter Stähle und Stahlrohrprodukte. Diese grünen Rohre zeichnen sich durch ihre gewohnt hohe Qualität bei zugleich deutlich geringerem PCF aus, denn unser Elektrostahl wird zu 100% aus Schrott produziert, zum Teil sogar unter Einsatz von Ökostrom und strombasierten Produktionsmethoden. Und dafür steht auch der Markenname, eine Wortschöpfung aus den englischen Begriffen für ‚Klima‘ und ‚Mehr‘.

Ralph Mathis:

Für unsere Kunden besonders interessant: Sie erfahren für jede Stahlgüte sowie bald auch für jedes einzelne Produkt die Höhe der CO2-Emissionen und erhalten ein entsprechendes PCF-Zertifikat. Nehmen wir zum Beispiel eine Stahlbramme in der Güte P235: Produziert mit grünem Strom liegt der CO2-Footprint 85% unter dem einer herkömmlich erzeugten. Auch in unserem Rohrwerk in Schloß Neuhaus haben wir die ersten PCF-Zertifizierungen erstellt, und zwar für ein aus CliMore-Stahl hergestelltes Warmrohr sowie ein daraus weiter gefertigtes, kaltgezogenes Präzisionsstahlrohr. Für das Warmrohr liegen die CO2-Einsparungen bei etwa 65%, für das Kaltrohr sind es rund 60%.

UMFORMTECHNIK: Was sind die strategisch-langfristigen Hintergründe für die CliMore-Entscheidung? Welche Positionierung im Markt ist damit verbunden?

Ralph Mathis:

Aus unserer Sicht ist die Reduktion von CO2-Emissionen eine absolute Notwendigkeit, einmal aus gesellschaftlicher Perspektive: Wir alle müssen uns dem Klimawandel entgegenstellen. Und dann auch wirtschaftlich: Steigende Abgaben für CO2-Ausstoß werden konventionellen Stahl in absehbarer Zeit so sehr verteuern, dass er seinen Preisvorteil gegenüber dem sogenannten grünen Stahl verliert. Dass wir bereits frühzeitig in die Erzeugung qualitativ hochwertigen Elektrostahls aus Schrott investiert haben und weiter investieren, ist also gleich zweifach zukunftsorientiert. Wir haben früh erkannt, wohin die Reise geht, und dann konsequent danach gehandelt.

Neben dem Preis gibt es einen weiteren wichtigen Treiber für den CO2 reduzierten Stahl: die Nachfrage. Sie wird auch deshalb massiv steigen, weil eingekaufter Stahl einen großen Anteil am CO2-Fußabdruck produzierender Unternehmen hat. Die zunehmende Transparenzpflicht – Stichwort: Nachhaltigkeitsberichterstattung – legt das offen und zwingt zum Handeln. Auf grüneren Stahl zu setzen ist dann naheliegend.

Thomas Begemann:

Hier kommen wir mit unseren zertifizierten CliMore-Produkten ins Spiel: Wir werden zukünftig verifizierte CO2-Emissionen nicht nur für die einzelnen Stahlgüten, sondern für alle unsere Rohrprodukte ausweisen. Damit sind unsere Kunden in der Lage, den CO2-Gehalt der bei uns und unseren Handelspartnern gekauften Vorprodukte in ihre CO2-Bilanzen einfließen zu lassen.

Ralph Mathis:

Das Potenzial dafür ist gewaltig: rund 5 bis7 Prozent der globalen CO2-Emissionen entstehen in der Stahlproduktion. Entsprechend groß ist der Bedarf an nachhaltigeren Lösungen – wie CliMore. Die Resonanz nach den ersten Monaten bestätigt dies: Wir haben Absichtserklärungen mit mehreren namhaften Kunden geschlossen. Teilweise haben wir auch bereits ausgeliefert, z.B. Hydraulikleitungsrohre für Land- und Baumaschinen.

UMFORMTECHNIK: Zu Ihrem Portfolio gehören nahtlose wie geschweißte Rohre, und Sie verfügen über erhebliches Knowhow im Bereich Anarbeitung. Wo und wie kommt das zum Tragen?

Ralph Mathis:

Als einer der führenden Hersteller nahtloser und geschweißter Qualitätsstahlrohre bieten wir Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von der Werkstoffentwicklung bis zur Rohrlösung. Das heißt: Wir stellen nicht nur Rohre her, sondern bearbeiten sie auch für verschiedenste Anwendungen weiter. Dazu gehören beispielsweise: Die Kurzstückfertigung, das Biegen von U-Rohren oder Flachschlangen, die Vergütung, das Schälen und Glattwalzen von Hydraulikzylinderrohren oder auch Korrosionsschutz für Leitungsrohre.

Und für spezielle Oberflächenbeschichtungen unserer Zista-Produktfamilie haben wir sogar eigene Verfahren entwickelt. In der Airbag-Anarbeitung fertigen wir montagefertige Hülsen für Airbag-Generatoren. Dadurch ergeben sich für unsere Kunden zahlreiche Vorteile. Sie können sich auf einen Ansprechpartner fokussieren, der maßgeschneiderte Lösungen aus einer Hand liefert. Und, um zum Thema Nachhaltigkeit zurückzukehren: sie bekommen absolute Transparenz über den CO2-Fußabdruck des Produktes, da wir die gesamte Wertschöpfungskette einberechnen.

UMFORMTECHNIK: Sie stellen Stahl nicht nur her, sondern walzen ihn auch. Können Sie uns etwas zu den Produkten und Qualitäten Ihrer kalt gewalzten Stähle sagen?

Ralph Mathis:

Für unsere geschweißten Stahlrohre kaufen wir das Vormaterial – warmgewalztes Stahlband – zu. In unserem Schweißrohrwerk walzen wir dann kalt, um die Präzision unserer Eigenprodukte zu erhöhen. Einen Teil des Kaltbandes verkaufen wir; daraus entstehen beispielsweise Stanzteile wie Steckzungen für Sicherheitsgurte in Fahrzeugen. Da auf dem Markt „grüner“ Stahl, und damit auch grüner Bandstahl, noch nicht in ausreichenden Mengen verfügbar ist, prüfen wir derzeit die Herstellung geschweißter Rohre aus Vormaterial aus unserem eigenen Elektrostahlwerk (der heute überwiegend in der Produktion unserer nahtlosen Rohre eingesetzt wird). In Zukunft könnten wir unseren eigenen Stahl bei Partnern auswalzen lassen, um diesen CO2-reduzierten Bandstahl eben auch für die Herstellung geschweißter Rohre einzusetzen. Gelingt uns das, könnten wir die CO2 Emissionen geschweißter Rohre aus Bandstahl von derzeit 2,3 bis 3,3 Tonnen (Hochofenstahl) auf ca. 1,2 Tonnen je Tonne Stahl reduzieren – das wäre ein riesiger Fortschritt!

UMFORMTECHNIK: Die Trends hin zu Leichtbau und Elektromobilität lassen Forderungen nach konstruktiven Warmwalzstählen und anders ausgelegten, mikrolegierten Stählen laut werden, die auch statische Aufgaben übernehmen können. Was bedeutet das für Sie als Stahlhersteller und -verarbeiter?

Thomas Begemann: Den Trend hin zu mikrolegierten Stählen sehen wir auch. Auf lange Sicht werden diese konventionelle Stähle wohl teilweise ersetzen. Mikrolegierte Stähle ermöglichen aufgrund ihrer höheren Festigkeiten dünnwandigere Bauteile und sparen damit Material. Im Automobilbau unterstützt das den Leichtbau und hilft, CO2-Emissionen zu reduzieren. Aktuell kaufen wir mikrolegierte Güten noch zu, arbeiten aber bereits an optimierten Eigenentwicklungen. Das ist der große Vorteil unserer umfassenden Wertschöpfungskette: Das eigene Elektrostahlwerk gibt uns die Flexibilität, unsere Forschung und Entwicklung neuer Stähle an Trends und veränderten Kundenanforderungen auszurichten. So erweitern wir unser Portfolio an Stahlgüten stetig.

UMFORMTECHNIK: Mit Zista Seal bieten Sie ein patentiertes Korrosionsschutz-Verfahren an und dringen damit in den Bereich der Oberflächentechnik vor?

Ralph Mathis: Das ist richtig. Für unsere Leitungsrohre bieten wir einen umweltfreundlichen Korrosionsschutz – mittlerweile eine eigene Produktfamilie, bestehend aus Zista CRF, Zista Seal, Zistaplex und Doppelzista.

Mit Zista CRF haben wir als eines der ersten Unternehmen Chrom VI-freie Verzinkungen für Rohre entwickelt. Diese sind bereits seit 2002 in Serie lieferbar. Mit einer zusätzlichen Versiegelung wie bei Zista Seal oder einer organischen Deckschicht wie bei Zistaplex verbessern wir den Korrosionsschutz weiter. Diese Produkte bieten auch nach Umformprozessen noch einen optimalen Schutz. Die Zistaplex-Oberfläche erlaubt sogar eine Verwendung von Verschraubungen nach DIN und SAE, ohne die Beschichtung entfernen zu müssen. Bei Doppelzista ist auch die Innenoberfläche der Rohre geschützt.

UMFORMTECHNIK: Welche neuen Märkte wollen Sie in den kommenden fünf Jahren bespielen, wo sehen Sie generell - auch für Mitbewerber - große Potenziale im Stahlsektor?

Ralph Mathis:

Zum einen haben wir, wie bereits besprochen, mit CliMore einen wichtigen Zukunftsmarkt für uns eröffnet: Wir sind ebenso wie viele Analysten der Meinung, dass die Nachfrage nach grünen Produkten in den kommenden Jahren steigen wird. Das geht sogar hin bis zu einem Nachfrageüberhang – insbesondere für grünen Stahl. Das bedeutet einen großen Umbruch und für viele Stahlhersteller einen langen Weg mit immensen Investitionen. Hier haben wir aufgrund unseres Elektrostahlwerks einen deutlichen Vorsprung – wir liegen mit unseren Emissionen bereits heute deutlich unter denen der Stahlherstellung über die Hochofenroute. Und wir arbeiten daran, unsere CO2-Emissionen auch in Zukunft weiter zu reduzieren, etwa durch die Elektrifizierung von Anlagen und den Einsatz von grünem Wasserstoff als Energieträger.

Diese Transformation ist aber nicht allein von der strategischen Weitsicht oder dem Willen und den Möglichkeiten einzelner Unternehmen abhängig, sondern benötigt vernünftige, stabile Rahmenbedingungen. Dazu zählen eine ausreichende Versorgung mit Ökostrom zu wettbewerbsfähigen Preisen ebenso wie die Infrastruktur für Produktion und Verteilung von Wasserstoff. Nicht nur wir Stahlproduzenten, sondern alle energieintensiven Branchen sind hier auf die Politik angewiesen, die diese verlässlichen Rahmenbedingungen dringend schaffen muss.

Thomas Begemann: Ein weiterer, für uns wichtiger Hebel ist die Ausrichtung unseres Portfolios an den sich stetig verändernden (und im Zweifel steigenden) Anforderungen unserer Kunden. Umweltfreundlichkeit, auch über grünen Stahl hinaus, wird ein immer relevanteres Kaufkriterium. Die gerade angesprochenen Oberflächenbeschichtungen unserer Zista-Produktfamilie oder Rohrlösungen für Rotorwellen, die in Elektrofahrzeuge eingesetzt werden, sind dafür Paradebeispiele. Eine zusätzliche, neue, Herausforderung ist die sichere Verteilung von Wasserstoff, wofür wir mit Hyresist nahtlose, warmgewalzte Leitungsrohre anbieten.

Ein drittes Beispiel ist Smartcut. Rohre aus Automatenstählen, speziell entwickelt für die zerspanende Bearbeitung. Die hierfür optimierten Materialeigenschaften mit hohem Schwefelgehalt steigern die Produktivität in der Weiterbearbeitung deutlich. Zudem ersetzen unsere Rohrlösungen Stabstahl als Vormaterial. Materialeinsparung von mehr als 50 Prozent gegenüber Vollmaterial ist möglich.

UMFORMTECHNIK: Sie werben mit dem Slogan „Benteler: family of driven professionals“. Warum sollten Bewerber, egal ob Ingenieur, Stahl-Facharbeiter, Lagerist oder etwa Bürokaufmann gerade jetzt den Weg zu Ihnen finden?

Ralph Mathis: Lassen wir auch hier die Fakten für sich sprechen. Wenn Sie sich die Inhalte dieses Interviews ansehen, dann haben wir fast ausschließlich über zukunftsorientierte Markt- und Innovationsstrategien gesprochen: Über eine Organisation, die sich und ihre Angebote flexibel am Kunden ausrichtet, die neue Lösungen entwickelt und neue Wege geht, noch bevor der Markt das fordert, die einen Beitrag liefert für mehr Nachhaltigkeit. Und die das alles leisten will – und viel wichtiger: auch tatsächlich leisten kann –, aufgrund der Erfahrung, Motivation und Expertise ihrer Mitarbeiter. Gute Argumente, oder?

Das Interview führte UMFORMTECHNIK MASSIV+LEICHTBAU-Chefredakteur Tilo Michal

www.benteler.com

*Anmerkung:

Die Ermittlung der CO2-Emissionen für die PCFs umfasst die CO2-Emissionen entlang der Wertschöpfungskette von der Rohstoffgewinnung über die Produktion bis zur Bereitstellung des fertigen Produktes für den Kunden (Scopes 1, 2, 3.1, 3.3, 3.4 und 3.5; „cradle to gate“).