08.04.26 – Mechanische Verbindungsmittel
Erfahrungsaustausch in der SLV Halle
Schraubenverbindungen stellen im Stahlbau und im Schienenfahrzeugbau zunehmend höhere Anforderungen an Auslegung, Montage und Qualitätssicherung.
Der erste Erfahrungsaustausch zu mechanischen Verbindungsmitteln in der SLV Halle hat diese Entwicklung aufgegriffen. Die Veranstaltung bildete den Auftakt für eine Reihe, die künftig im zweijährigen Rhythmus stattfinden soll. Knapp 65 Teilnehmende und sieben Aussteller bestätigten den steigenden Bedarf. Die Beiträge des Erfahrungsaustauschs zeigen, wie sich Anforderungen an Schraubenverbindungen verändern. Im Mittelpunkt standen konkrete Fragestellungen aus Konstruktion, Montage und Qualitätssicherung.
Montage entscheidet über die Funktion der Verbindung
Im Stahlbau wird die Auswahl an regulär einsetzbaren Verbindungsmitteln für vorgespannte und nicht vorgespannte Verbindungen in den nächsten Jahren erweitert. Torsten Kokot, Fachbereichsleiter Metallurgie der SLV Halle GmbH, berichtete über HR und HRC-Garnituren sowie DTI-Scheiben als interessante Alternativen zu den etablierten HV- und SB-Garnituren. Mit der DIN EN 17976 und ergänzenden Regelwerken wie der DASt-Richtlinie 024 werden Anforderungen an Vorspannkraft, Dokumentation und Kontrolle deutlich konkretisiert. Stefan Weiß-Breitenbürger und Patrick Junkers, Barbarino und Kilp GmbH, zeigten, dass bereits geringe Abweichungen in der Vorspannkraft die Betriebssicherheit beeinflussen können.
Korrosionsschutz beeinflusst Dauerhaftigkeit und Tragfähigkeit
Joachim Pflugfelder, Sherwin-Williams Coatings Deutschland GmbH, machte deutlich, dass Verbindungsmittel und die zu fügenden Bauteile als Einheit betrachtet werden müssen. Unterschiedliche Beschichtungssysteme können zu Vorspannkraftverlusten führen und damit die Tragfähigkeit beeinträchtigen. Korrosionsschutz ist damit Teil der Auslegung und muss bereits in der Planung berücksichtigt und auf die Verbindung abgestimmt werden.
Neue Erkenntnisse zur Schwingfestigkeit von Schraubenverbindungen
Unter Schwingungen und wechselnden Beanspruchungen verlieren Schraubenverbindungen ihre Vorspannkraft schleichend. Klassische Sicherungsmaßnahmen berücksichtigen diese Ermüdungsbeanspruchung jedoch unzureichend. In der Instandhaltung zeigt sich die praktische Konsequenz. Thomas Vauderwange, VauQuadrat GmbH, verdeutlichte typische Problemfälle wie korrodierte Verbindungen, Gewindekleber oder Presspassungen. Für das Lösen oder Lockern von Schraubenverbindungen präsentierte der Aussteller kontrollierte Erwärmung durch Tiefeninduktion. Jochen Süßenbach, Nord-Lock GmbH, zeigte, dass das Wirkprinzip zur Belastung passen muss. Entscheidend ist die Auswahl geeigneter Systeme auf Basis der realen Beanspruchung. Prof. Ralf Glienke, Hochschule Wismar, ergänzte aktuelle Forschungsergebnisse zur Schwingfestigkeit von Schraube-Mutter-Verbindungen. Er verwies auf laufende Untersuchungen zur Dauerhaltbarkeit hoch beanspruchter Verbindungen nach VDI-Richtlinie 2230.
Dokumentierte Qualitätssicherung gewinnt zunehmend an Bedeutung
Durch die Beiträge kristallisierten sich ein klarer Trend im Schienenfahrzeugbau und Stahlbau heraus: Die Qualitätssicherung verschiebt sich von der Prüfung zur Prozessabsicherung, während normative Anforderungen eine lückenlose Dokumentation und nachvollziehbare Prüfstrategien verlangen. Kerstin Schaufuß stellte die Einordnung im Kontext der ECM-Verordnung dar. Im Fokus stehen Prüfungen während und nach der Montage sowie Anforderungen an Instandhaltungssysteme. Ziel ist ein durchgängig abgesicherter Betrieb. „Qualitätssicherung beginnt nicht am Ende. Sie begleitet den gesamten Lebenszyklus der Verbindung von der Montage bis zur Instandhaltung“, fasst Kokot zusammen.
Prozesskette erfordert qualifiziertes Fachpersonal
Der Erfahrungsaustausch zeigt einmal mehr, dass sich technische Vorgaben dynamisch entwickeln und sich Anforderungen ändern. „Der Bedarf entsteht direkt in der Praxis. Wir greifen ihn früh auf, bündeln das Fachwissen und machen es über Veranstaltungen wie der JOIN-TRANS, neue Lehrgänge, Firmenschulungen und dem Online-Kompaktseminar verfügbar“, erklärt Steffen Wagner, Geschäftsführer der SLV Halle GmbH. Damit entsteht ein abgestimmtes Qualifizierungsangebot für Fachkräfte aus Konstruktion, Fertigung und Qualitätssicherung.
Info
Die Schweißtechnische Lehr- und Versuchsanstalt Halle GmbH ist seit 1930 Ansprechpartner für Industrie und Handwerk. Unsere Stärken liegen in der Aus- und Weiterbildung von schweißtechnischem Fachpersonal sowie in der gemeinnützigen und industriellen Forschung. Mit unseren Dienstleistungen in der Qualitätssicherung und Werkstofftechnik unterstützen wir Unternehmen in allen Belangen der Fügetechnik. Als Kompetenzzentrum bündeln wir Qualifizierung, Forschung und technische Leistungen in einer integrierten Struktur für die industrielle Praxis.



