23.09.26 – Interview
Neue Technologie, neue Chancen
Hybride Bauteile, Kombinationen verschiedener Materialien wie Blech und Kunststoff, komplexe Montageaufgaben: Fertigungskompetenzen wie diese sind im Markt zunehmend gefragt, Unternehmen stoßen dabei mit klassischen Verfahren jedoch oft an ihre Grenzen. Um seinen Kunden neue Optionen anbieten zu können, hat das Familienunternehmen Kleiner aus Pforzheim, Spezialist für Präzisionsstanzteile und Hochleistungsstanzwerkzeugbau, gemeinsam mit der Otto Bihler Maschinenfabrik sein Fertigungsspektrum gezielt um die Bihler Lineartechnologie erweitert. Wie das in der Praxis aussieht, erläutern Christian Hamann, Prokurist und Technischer Leiter bei Kleiner, und Christian Franke, Abteilungsleiter Technischer Vertrieb bei der Otto Bihler Maschinenfabrik im Interview.
Tilo Michal (BLECH+ROHRE+PROFILE): Herr Hamann, was hat Kleiner dazu bewogen, die eigene Fertigungstechnologie zu erweitern?
Christian Hamann (Kleiner): Der Auslöser war eine nüchterne Bestandsaufnahme. Wir mussten einfach feststellen, dass wir für insgesamt zu viele Bauteile keine wirtschaftlich tragfähige Lösung anbieten können. Sobald ein Bauteil nach dem Stanzen und Biegen noch weitere Schritte erfordert wie Schweißen, Gewindeschneiden oder die Montage von Kunststoffkomponenten, wird die Prozesskette schnell komplex und aufwändig. Denn jede Übergabe bedeutet logistischen Aufwand, zusätzliche Qualitätsüberwachung, Verlustleistung beim Wiedereinfahren und damit letztlich auch finanziellen Mehraufwand. Einige Bauteile haben wir deshalb gar nicht erst ins Portfolio aufgenommen, da wir sie prozesstechnisch und wirtschaftlich nicht sinnvoll abbilden konnten. Da haben wir für uns einfach eine Systemgrenze erkannt.
Tilo Michal: Wo genau liegt diese Systemgrenze?
Christian Hamann: Bei der Inline-Fertigung ohne Prozessunterbrechung. Der Folgeverbund kann auch komplexe Teile realisieren – keine Frage. Aber je mehr Funktionen gleichzeitig gefordert sind, desto schwieriger wird es, den Gesamtablauf stabil zu beherrschen. Eine einzelne Zusatzfunktion lässt sich noch integrieren, mehrere gleichzeitig wie beispielsweise Montage, Schweißen oder Kunststoffzuführung werden schnell kritisch. Je vielstufiger ein Prozess, desto schwieriger seine Überwachung und desto aufwendiger das Erreichen stabiler Prozessfähigkeiten. Und irgendwann wird es dann auch wirtschaftlich uninteressant. Aus diesem Kreislauf wollten wir ausbrechen und haben deshalb die Zusammenarbeit mit Bihler gesucht.
Tilo Michal: Herr Franke, was hat Bihler motiviert, die Zusammenarbeit mit Kleiner einzugehen?
Christian Franke (Bihler): Der entscheidende Faktor war, dass Kleiner seine Ausgangssituation sehr klar analysiert und dann strategisch gehandelt hat. Es ging Kleiner nicht darum, eine konkrete Maschine zu kaufen, sondern mit einer strategischen Technologie-Entscheidung seine Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit zu stärken. Das ist die Grundlage für eine Partnerschaft, die über eine klassische Kunden-Lieferanten-Beziehung hinausgeht. Aber auch für uns selbst ist die Kooperation sehr wertvoll: Unternehmen wie Kleiner arbeiten branchenübergreifend und haben das Ohr sehr nah am Markt. Dadurch bekommen wir viele wichtige Einblicke in die Produktionswirklichkeit verschiedener Branchen.
Tilo Michal: Welche Maschine hat Kleiner eingesetzt, und inwieweit stützt sie die Strategie Ihres Unternehmens?
Christian Hamann: Wir haben uns für die Bihler LM 2000-NC entschieden – eine servogesteuerte Hochleistungsmaschine für die lineare Fertigung aus Bandmaterial. Ihr entscheidendes Merkmal ist die Fähigkeit, mehrere Prozessschritte vollständig inline zu kombinieren: Stanzen, Biegen, Schweißen, Zuführen und Montieren in einem einzigen Ablauf. Im Ergebnis können wir darauf Artikel ohne externe Schnittstellen in konstanter Qualität produzieren. Gleichzeitig ist mir jedoch wichtig darauf hinzuweisen, dass diese Technologie den Folgeverbund nicht ersetzt, der für viele Anwendungen immer noch die richtige Lösung ist. Die Inline-Technologie von Bihler ergänzt ihn jedoch. In Kombination mit unserer Spritzgusskompetenz können wir jetzt drei Verfahren anbieten, die sich optimal ergänzen. Damit haben wir als Lösungspartner bei unseren Kunden jetzt viel bessere Argumente und mehr Möglichkeiten.
Tilo Michal: Könnten Sie uns dazu mal ein konkretes Beispiel nennen?
Christian Hamann: Unser Demonstratorwerkzeug für einen mehrteiligen Elektrostecker zeigt das sehr anschaulich. Solche Steckverbinder kommen überall dort zum Einsatz, wo elektrische Leitungen, Datenkabel oder Medienleitungen lösbar verbunden werden müssen – in der Elektronik, im Automobilbereich, in der Robotik oder bei erneuerbaren Energien. Das Werkzeug kombiniert Stanzen, Biegen, Schweißen und die Inline-Montage eines Kunststoffstopfens bei bis zu 500 Hüben pro Minute. Im klassischen Folgeverbund wäre die Stopfenmontage bei dieser Taktzahl nicht beherrschbar, deshalb haben wir solche Bauteile bisher nicht angeboten. Das hat sich jetzt grundlegend geändert.
Tilo Michal: Herr Franke, wie ist die Zusammenarbeit zwischen Ihren beiden Unternehmen organisiert?
Christian Franke: Sehr strukturiert und auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Wir haben von Beginn an die Teams beider Unternehmen zusammengebracht – von der technischen Leitung über Konstruktion und Fertigung bis zu Vertrieb und Marketing. Denn Technologietransfer funktioniert nur dann nachhaltig, wenn er nicht auf eine einzelne Schnittstelle beschränkt bleibt. Wir haben wöchentliche Abstimmungen, Vor-Ort-Termine, Schulungen und gemeinsame Testläufe. Besonders prägend war jedoch der Aufbau des ersten gemeinsamen Schulungswerkzeugs. Wir sprechen dabei nicht nur über Maschinentechnik, sondern auch über Preiskalkulationen, Werkzeugbau-Standards und Herausforderungen im Produktionsalltag – echter Wissenstransfer in beide Richtungen.
Tilo Michal: Herr Hamann, wo soll Kleiner mit dieser Partnerschaft in einigen Jahren stehen?
Christian Hamann: Wir verfolgen drei Ziele: Erstens wollen wir als Experten in der Bihler Technologie wahrgenommen werden und Lohnwerkzeuge für andere Bihler Anwender entwickeln. Zweitens denken wir mittelfristig an eigene Serienkapazitäten für Stanz-Biegeteile, um Kunden Outsourcing auf hohem technischen Niveau anzubieten. Und drittens wollen wir uns im Markt mit einem erweiterten Fertigungsspektrum breiter aufstellen und damit neue Kundensegmente ansprechen. Schon heute können wir mit der neuen Technologie von Bihler Anfragen bearbeiten, die wir früher aus wirtschaftlichen oder prozesstechnischen Gründen gar nicht erst berücksichtigt hätten. Ganz ehrlich: Eigentlich hätten wir diesen Schritt schon früher gehen sollen. Aber gerade in der aktuellen angespannten und wettbewerbsintensiven Phase ist er besonders wichtig für uns und mit Bihler haben wir den richtigen Partner dafür gefunden, der uns auf allen Ebenen begleitet.



