21.05.26 – Standortbestimmung des VDA
Schützt Antriebsmix vor Arbeitsplatzabbau?
Die Problematik: Neue Arbeitsplätze entstehen dort, wo Investitionsbedingungen am besten sind und somit immer seltener in Deutschland. Das Europäisches Parlament und die Mitgliedstaaten müssten Vorschlag der EU-Kommission zum Automotive Package dringend nachbessern und auf Flexibilität und Pragmatismus setzen. Dabei sei einheitliche deutsche Stimme in Brüssel entscheidend, so der VDA in einem Positionspapier.
Der deutschen Automobilindustrie in Deutschland drohe ein Beschäftigungsverlust von weiteren 125.000 Arbeitsplätzen bis zum Jahr 2035, sollte die EU nicht auf mehr Technologieoffenheit setzen und die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes nachhaltig und signifikant verbessern. Mit Blick auf die 125.000 Arbeitsplätze fiele der Rückgang der Beschäftigung stärker aus als bisher angenommen, es drohten etwa 35.000 Arbeitsplätze mehr als zuletzt erwartet zu entfallen, heißt es in einem Positionspapier des VDA.
Brisant: Die Brüsseler CO2-Flottenregulierung für Pkw und Vans, nach der ab dem Jahr 2035 ausschließlich batterieelektrische und Brennstoffzellen-Fahrzeuge neu zugelassen werden können, setzte ohne Anpassungen 50.000 Arbeitsplätze am Standort Deutschland aufs Spiel. Durch eine stärkere Rolle von Plug-in-Hybriden (PHEV), Range Extendern und Verbrennern – auch mit erneuerbaren Kraftstoffen im Jahr 2035 und danach – ließen sich diese Arbeitsplätze aber erhalten. Weltweit würden diese Antriebe auf Dauer eine Rolle spielen. Daher fordert der VDA mit Nachdruck, dass das Bekenntnis Brüssels zur Technologieoffenheit endlich auch mit konkreten Maßnahmen und notwendigen Flexibilisierungen verbunden wird.
Schlechte Standortbedingungen
Bisher war der VDA im Rahmen einer Studie mit Prognos (2024) davon ausgegangen, dass im Zuge der Transformation zur klimaneutralen Mobilität bis zum Jahr 2035 rund 190.000 Arbeitsplätze gegenüber dem Jahr 2019 verloren gehen könnten. Grund dafür: Die Fertigung eines E-Autos ist weniger komplex und benötigt weniger Teile als die eines Verbrenners, weshalb mit dem Wandel hin zur Elektromobilität Beschäftigungsverluste – insbesondere in der Zulieferindustrie – einhergehen.
Die Entwicklung in den vergangenen zwei Jahren zeigt jedoch, dass der Beschäftigungsrückgang schneller voranschreitet als bisher angenommen. Hintergrund ist, dass in Deutschland aufgrund der schlechten Standortbedingungen, anders als anzunehmen war, nicht mehr ausreichend neue Arbeitsplätze entstehen. Arbeitsplätze, die im Zuge der Transformation zur klimaneutralen und digitalen Mobilität der Zukunft aufgebaut werden, entstehen zunehmend im Ausland.
Auf Basis dieser Entwicklung bei der Beschäftigung und unter Fortschreibung der geltenden regulatorischen Rahmenbedingungen ergibt sich deshalb nun ein stärkerer Rückgang in der Abschätzung für die Beschäftigungsentwicklung als bisher angenommen: Bis zum Jahr 2035 sei nunmehr ein Beschäftigungsverlust von rund 225.000 Arbeitsplätzen gegenüber dem Jahr 2019 zu erwarten. Das entspricht, ausgehend von heute – da schon etwa 100.000 Arbeitsplätze seit 2019 verloren gegangen sind – einem Rückgang von weiteren etwa 125.000 Beschäftigten. Das heißt konkret: Es gehen etwa 35.000 Arbeitsplätze mehr verloren als auf Grundlage der Berechnungen aus dem Jahr 2024 zu erwarten gewesen wäre.
Wachstum muss her
VDA-Präsidentin Hildegard Müller: „Die Entwicklung ist besorgniserregend und zeigt: Deutschland hat eine anhaltende und gravierende Standortkrise, die Bedingungen für die Produktion am Standort Deutschland verschlechtern sich zusehends. Hohe Steuern und Abgaben, teure Energie, hohe Lohnkosten, überbordende Bürokratie – die Liste der Herausforderungen ließe sich fortführen. Die Folge: Die Unternehmen müssen sich leider aus wirtschaftlichen Gründen täglich zu oft gegen den Standort Deutschland und Europa entscheiden, um ihre Unternehmen wettbewerbsfähig zu halten und übrige Beschäftigung hierzulande zu halten.“
Müller warnt: „Das Abwandern von Investitionen und Beschäftigung wird nicht ohne Konsequenzen für den Wohlstand unseres Landes und für dessen gesellschaftliche und politische Stabilität bleiben. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft – umso wichtiger ist, dass die richtigen Schlüsse daraus gezogen werden. Alles, was Wachstum schafft, muss oberste Priorität haben in Brüssel und Berlin. Das war und ist die Erwartung der Wirtschaft – und es muss Anspruch der Bundesregierung sein. Es braucht ein investitions- und innovationsfreundliches Umfeld, damit der Standort wieder relevanter wird. Die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts entscheidet darüber, wo die Arbeitsplätze der Zukunft entstehen.“
Technologieoffenheit gefragt
VDA-Berechnungen zeigen, dass die weitere Entwicklung der Beschäftigung wesentlich auch vom Antriebsmix abhinge. Nach der derzeitigen CO2-Flottenregulierung für Pkw und Vans können ab dem Jahr 2035 ausschließlich batterieelektrische und Brennstoffzellen-Fahrzeuge neu zugelassen werden, was entsprechende Auswirkungen auf die Produktion hat. Ein im Vergleich zur aktuell gültigen CO2-Regulierung höherer Anteil von Plug-in-Hybriden (PHEV), Range Extendern und Verbrennern (zunehmend mit erneuerbaren Kraftstoffen) an der inländischen Pkw-Produktion würde mit einer geringeren Veränderung der Beschäftigungsstruktur einhergehen. In diesem Fall wäre bis zum Jahr 2035 mit einem Beschäftigungsrückgang von etwa 75.000 Arbeitsplätzen zu rechnen, d.h. es könnten so etwa 50.000 Arbeitsplätze am Standort Deutschland erhalten bleiben. Die negativen Effekte der Transformation auf die Beschäftigung würden spürbar abgemildert. Der Pfad zur klimaneutralen Mobilität der Zukunft würde trotzdem fortbeschritten werden.




